Das Axiom von Watzlawick wird durch alle wesentlichen neurowissenschaftlichen und systemischen Untersuchungen bestätigt. So ist die Reflexion unseres umfänglichen Seins (= Präsenz) in einer Situation bzw. im Umgang mit dieser eine aus unserer Sicht notwendige Voraussetzung. Wir suchen dabei nach einem Verstehen aus der Perspektive der anderen Person heraus. In den nächsten Folgen beschäftigen wir uns mit den Präsenzdimensionen in unserem Prozessdynamischen Modell (Lemme u. Körner, 2024; Lemme 2026)
Heute: Präsenzdimension Körper und Sensitivität (Embodiment)
Diese meint zum einen die räumliche, geistige und zeitliche Anwesenheit in Situationen einschließlich der Reflexion der eigenen Botschaften durch Mimik, Gestik und Distanz (Körper) sowie zum anderen die eigene körperliche Wahrnehmung als Resonanz zum Geschehen (Sensitivität).
Manche kritische Situationen für Eltern und Pädagoginnen entstehen in Zeiten und an Orten, wo sie abwesend, nicht vor Ort sind. Eine Stärkung der eigenen Präsenz wäre dadurch wieder möglich, mindestens vorübergehend an den kritischen Orten die eigene Gegenwärtigkeit zu erhöhen, um überhaupt auf die Situationen einwirken zu können.
Auch die Art und Weise der Anwesenheit hat wesentlichen Einfluss auf die Präsenz. Alle Menschen reagieren spontan, zunächst autonom im sogenannten Autonomen Nervensystem (ANS). Die körperliche Fitness hat ebenso wie die erlebte psychische oder emotionale Anspannung eine Auswirkung auf unsere spontanen Reaktionen. Uns geht es halt nicht immer gleich gut. Unsere Mimik und Gestik, unser ganzes Embodiment könnte Botschaften geben, die Auswirkungen auf eine Situation haben. Unsere körperlichen Wahrnehmungen stehen so in einer Wechselwirkung zum Geschehen und zu unserer eigenen Verarbeitung.
Die Sensitivität in der Wahrnehmung unserer Körperreaktionen ermöglicht uns einen Zugang zur Atmosphäre in der Situation und seiner Bedeutung. Das führt uns zu einer intensivierten Achtsamkeit auf die eigenen Sinne als Resonanzwahrnehmung von Atmosphäre und noch nicht offen benannten Themen. Diese können wir dann als Feedback-Möglichkeit für die konstruktivere Entwicklung der Situation nutzbar machen.
In der Reflexion von Situationen stellen wir vorab oder danach Fragen bezüglich des Körpers und der Sensitivität, um veränderbare Einflussgrößen zu identifizieren. Dabei geht es nicht um die Frage von Falsch oder Richtig bzw. um eine Fehlersuche, sondern um eine Möglichkeit der konstruktiveren Gestaltung von Begegnungen. Im Sinne eines einfühlenden Verstehens nehmen wir die Perspektive unseres Gegenübers ein und schauen, wie wir diese für eine verbesserte Verbundenheit und Entwicklung nutzbar machen können.
Mögliche Fragen:
– Was genau haben Sie körperlich erlebt, gespürt in dieser Situation?
– Haben sie eine besondere Resonanz an einzelnen Stellen der Begegnung gehabt?
– Gab es eine besonders spürbare Körperregion? Bauch, Herz oder Kopf?
– Nehmen wir an, Sie hätten einen Spiegel vor Ihrem Gesicht gehabt, was hätten Sie vermutlich gesehen?
– Waren Sie anwesend oder abwesend?
– Hat Ihre Nähe oder Distanz möglicherweise einen Unterschied gemacht?