Präsenz ganz praktisch

Manche unserer Weiterbildungsteilnehmenden stellen die Frage, wie sie denn eine Reflexion von Präsenz im Alltag umsetzen könnten und sehen sich einer großen Herausforderung ausgesetzt.

Und so findet diese Reflexion häufig nicht statt, die dann durchgeführten Interventionen schließen
an dem an, was jeweils bisher gemacht worden ist – aber eben nicht an der
Stärkung der eigenen Präsenz.

Hier ein Beispiel aus einem Seminar, in dem ausgehend von der
Präsenzreflexion ein alle Seiten sicherndes neues Handeln entstanden ist.

Vorweg:

·      Wir wissen, dass wir in allem, was wir tun,
nicht nicht kommunizieren können. Also beeinflusst alles, was wir autonom wie
bewusst an Reaktionen und Handlungen zeigen die Situation, in der wir uns
befinden. Entsprechend ist die achtsame Reflexion eigener Reaktionsgrundlagen
essenziell, wenn wir anderen Personen in ihrem Verhalten adäquat begegnen
wollen.

·      In unserem Vorgehen fragen wir uns nicht, welche
Absicht eine anvertraute Person mit ihrem Verhalten hat, sondern wir sehen die
kritischen Verhaltensweisen als eine Aussage der Not und fragen uns, was denn
die Botschaft hinter diesem Verhalten über den inneren Zustand der betroffenen
Person ist. Als Antwort suchen wir nach Antworten auf dieses Verhalten, welches
Sicherheit und Verbundenheit vermittelt. Daraus können sich dann weitere
Entwicklungsperspektiven ergeben.

·      Dies bedeutet die achtsame Reflexion der eigenen
Reaktionen und Handlungen, also die eigene Reflexion der Körperlichkeit,
Handlungsoptionen, Selbstregulation, Selbstwirksamkeit (Überzeugung), Absicht
(Sinngebung) und eigener Eingebundenheit – der eigenen Präsenz. Dies kann
durchaus in Situationen mit entsprechendem Bewusstsein erlernt werden.

Eine Mitarbeiterin in einer Wohngruppe, allein für die
gesamte Gruppe am Morgen zuständig, weckte alle Kinder. Jasmina (Name
geändert), 6 Jahre alt und seit ca. 6 Monaten in der Gruppe, mochte nicht
aufstehen, blieb liegen. Die Mitarbeiterin kündigte an, später wiederzukommen
und sich zunächst um die anderen zu kümmern (die Gruppe liegt auf zwei Etagen).
Beim nächsten Mal war Jasmina immer noch im Bett, die Mitarbeiterin motivierte
sie aufzustehen und kündigte wieder an, gleich zurückzukommen. Während sie auf
dem Weg zu den anderen Kindern war, fing Jasmina an zu weinen und zu rufen.
Nach dem nächsten Kontakt wurde das Weinen zu einem lauten Klagen, was über die
ganze Gruppe zu hören war – nur Aufstehen ging für Jasmina nicht. Es entstand
ein hektischer Morgen, die Mitarbeiterin erlebte sich hilflos und tief
betroffen über die Reaktionen von dem Mädchen, gleichzeitig hin- und
hergerissen in der Verantwortung für die gesamte Gruppe, Frühstückszubereitung,
Pünktlichkeit der Abholsituationen für die Schulzeiten und Jasmina. Jasmina zog
sich später halbwegs an, verweigerte den Einstieg in das Auto des Fahrdienstes,
das Weinen und die Aufforderungen der Mitarbeiterin begleiteten die Situation
durchgehend.

Im Seminar berichtete die Mitarbeiterin von dieser kurz
zuvor erlebten Situation und zeigte deutlich ihre emotionale Berührung durch
das Leiden von Jasmina und dem gesamten Druck, den ihr diese Situation gemacht
hat.

Im Seminar haben wir dann das Präsenzinterview als
Reflexionsmöglichkeit genutzt. Es stellte sich folgendes heraus:

·     Körperliche Präsenz:
Die Mitarbeiterin erlebte sich deutlich überfordert, erlebte das Hin- und
Herlaufen als Stress, zudem das Weinen und Klagen des Mädchens durch eine
körperlich hohe Anspannung. Sie sei richtiggehend ins Schwitzen gekommen und
zeitweise atemlos mit schnell schlagendem Herzen. In der Begegnung mit Jasmina
vermutete sie hohe Anspannung von sich selbst in Stimme, Mimik und Gestik.

·     Die Selbstregulation ist in dieser Situation für
die Mitarbeiterin insofern verloren gegangen, als sie keinen Weg der
Selbstberuhigung gefunden habe. Sie sei gefühlsmäßig sehr getroffen gewesen
durch die Verzweiflung von Jasmina und auf der anderen Seite zunehmend im
Stress geraten, weil sie sich überfordert erlebt habe. Dabei sei sie zunehmend
kürzer bei dem Mädchen geblieben und habe wohl auch stärker gefordert. Dabei
sei sie wohl nicht lauter geworden, aber schneller und schriller in der
Rückmeldung.

·     Handlungsfähigkeit:
Sie habe sich hilflos erlebt, da sie Jasmina nicht habe zum Aufstehen und
Anziehen bewegen können, außerdem nicht bei der Gruppe gewesen sei. Ein
9jähriges Mädchen habe sich angeboten, das Frühstück zu bereiten, was sie für
sich als ein leises Versagen wahrgenommen habe. Sie habe den Eindruck, der
Situation nicht gerecht worden zu sein und fragte sich, ob sie denn letztlich
sich hätte durchsetzen sollen und Jasmina ggf. auch mit dem Pyjama in die
Schule bringen sollen.

·     Ihre Selbstwirksamkeit sei verloren gegangen,
denn sie war davon ausgegangen, dass sie Jasmina unbedingt zur Schule bringen
muss, was sich durch das Verhalten von ihr aber nicht als möglich gezeigt
hätte. Sie sei auch der Gruppe nicht gerecht geworden, was sie als ihre Pflicht
erleben würde. So hat die Mitarbeiterin auf sich selbst in dieser Situation
sehr kritisch geschaut. Wenn sie andere Zeit gehabt hätte, dann wäre sie sowohl
auf Jasmina als auch auf die Situation der Gruppe anders eingegangen, hätte sich
mehr Zeit genommen. Sie fühlte sich aber verpflichtet ihren Job mit den
vereinbarten Regeln zu erfüllen, gefühlt hätte sie am liebsten anders reagiert.

·     Ihre Absicht war daher vom Erfüllen der Regel,
dass alle Kinder zur Schule gehen müssen geleitet. Sie konnte somit in diesem
Moment nicht auf die Überlegungen der Notwendigkeit von Sicherheit
zurückgreifen, da sie sich den Teamvorgaben gegenübergesehen hatte. Letztlich
versuchte sie einer Situation gerecht zu werden, die wie ein Dilemma nicht
lösbar erschien.

·     Und sie erlebte sich allein überfordert, da sie
den Eindruck hatte an verschiedenen Orten gleichzeitig sein zu müssen, dies
natürlich nicht erfüllen konnte. Die Situation entspannte sich als eine
Kollegin einer anderen Gruppe der Einrichtung zufällig auf die Gruppe kam, um
etwas anzugeben. Diese Kollegin unterstützte dann die Situation, was zu einer
gewissen Beruhigung führte.

Wie nun aus der Reflexion der Präsenz in dieser Situation in
die Handlung?

Zunächst einmal ist dies eine Situation, in der die
Mitarbeiterin keine eine Chance hatte, alle üblichen Abläufe wie gewohnt
durchzuführen. Sie erhielt diese Rückmeldung von den Kolleginnen auf sehr
herzliche Art und Weise, von ihrer pädagogischen Leiterin und von mir. Meiner
Einladung in einer Rückschau auf diese Situation zu schauen, stimmte sie zu.
Wir vereinbarten, dass es nicht um Richtig und Falsch gehen könnte, sondern
lediglich um Überlegungen für andere Möglichkeiten. Die ergaben sich dann wie
folgt:

·     Auch wenn die Aufgabe aller Mitarbeitenden ist,
möglichst alle Kinder zu einem Schulbesuch zu bewegen, gibt es Situationen, in
denen das nicht möglich ist. So klärten wir, dass die Vermittlung von
Sicherheit und Beziehung wichtiger ist als der Schulbesuch an sich. So wie dies
bei Erkrankungen ist wurde vereinbart in ähnlichen Situationen der Gruppe eine
transparente Rückmeldung zu geben. (Absicht, Sinngebung)

·     Im zweiten Schritt überlegten wir mögliche
kollegiale Entlastungen für dieses Thema. Da in dieser Einrichtung ein
Hintergrunddienst vorhanden ist und die Gruppen zentral zusammenliegen, konnten
Absprachen getroffen werden, die eine gegenseitige Entlastung schaffen können.
(Unterstützung)

·     Gemeinsam konnten im Seminar dann Strategien
entwickelt werden, die die eigene Selbstregulation verbessern können. In diesem
Fall wurden Atemtechniken und körperbezogene Übungen (Überkreuzsitz, „Sich
selbst in den Arm nehmen“, „SOS-Übungen“) als Möglichkeiten entwickelt. Grundlegend
wurde das Vertagen als eine Möglichkeit gesehen, die allen Beteiligten wieder
mehr Sicherheit ermöglicht. (Selbstführung)

·     Im dann folgenden Schritt konnte thematisiert
werden, dass ein erfolgreiches Handeln sich nicht an der Durchsetzung von
Vorgaben festmacht, sondern an der eigenen inneren Überzeugung, dass das eigene
Vorgehen angemessen und sicherheitsgebend ist. Wenn also trotz intensiver
Motivation jemand an einem Tag (und vielleicht sogar wiederholt) nicht zur
Schule gehen kann, dann misst sich der Erfolg des pädagogischen Handelns darin
im Kontakt zum betroffenen Kind zu bleiben und eben nicht im Durchsetzen von
Regeln und Vorgaben. Im eigenen Gefühl wäre die Mitarbeiterin am liebsten im
Kontakt zu Jasmina geblieben, da sie die Not des Kindes gespürt hatte und sich
in einem Dilemma zu den Teamabsprachen erlebt hat. Die Herausforderung besteht
also dann darin, sich selbst in diese Situation zu versetzen, was mit den
Vorabsprachen entsprechend leichter möglich wird. Eine transparente Rückmeldung
an die anderen Bewohnerinnen der Gruppe lässt sich anschließen, um ein befürchtetes
Trittbrettfahren abzuwenden.

·     Aus diesen Überlegungen ergeben sich neue Handlungsmöglichkeiten.
Die Aufgaben, sowohl das Frühstück betreffend als auch die Begegnung mit
Jasmina könnte in einer weniger hektischen Abfolge ermöglicht werden. Das Team
nahm sich vor, das Frühstück schon vorab so vorzubereiten, dass die Kinder
schneller und leichter für sich sorgen könnten. Es wurden Vorabsprachen mit den
Kindern für die folgenden Morgende abgesprochen. Zudem gab es schon die
Absprachen zur gegenseitigen Unterstützung. (Wachsame Sorge)
Für die direkte Begegnung mit Jasmina könnte das Aussprechen des Leids, was
dieses Mädchen gerade erfährt, eine Möglichkeit sein. Dabei spricht die
Mitarbeiterin aus, was sie gerade erlebt: „Ich sehe, dass du gerade ganz
traurig und verzweifelt bist. Das verstehe ich, ich bin da!“ Sie könnte nach
einer kurzen vielleicht sogar tröstenden Geste (mit Umarmung?) sagen, dass sie
zur Gruppe geht, um das Frühstück zu organisieren, um dann wieder zu kommen.
Und sie könnte Jasmina einladen mitzukommen, ob angezogen oder nicht. Nun
wissen wir noch nicht, ob dies Jasmina beruhigen wird, wir wissen aber, dass
dies die Wahrscheinlichkeit von Co-Regulation erhöht. (Körperlichkeit,
Co-Regulation)
Nachdem alle anderen Kinder zu Schule sind und am Abend vor dem nächsten Morgen
könnte es sinnvoll sein, auf Jasmina für die Vorbereitung des nächsten Morgens
zuzugehen, ihr Vorschläge zu machen, auch schweigend eine Weile zu sitzen,
falls es keine Worte für die Situation gibt. Wie vorgeschlagen könnte am
nächsten Morgen die Begegnung erneut angegangen werden. Die Wirksamkeit solcher
Maßnahmen zeigt sich nicht anhand schneller Erfolge, sondern in der
Beharrlichkeit und inneren Überzeugung der Mitarbeitenden. Die Vermittlung von
Sicherheit und Verbundenheit an Menschen, die häufig frühere bindungsenttäuschende
Erfahrungen gemacht haben, ereignet sich nicht durch einzelne Maßnahmen,
sondern durch die Verbindlichkeit in der Gestaltung der Beziehung trotz eines
widrigen Verhaltens. (Co-Regulation, Körperlichkeit, Entschiedenheit und
Sicherheit gebend)
Zudem wurde die Kontaktaufnahme zu der Klassenlehrerin aufgenommen, die sich
bei Jasmina melden wird, um ihr den Weg in die Schule zu erleichtern. (Soziale
Unterstützung).

Wenn eine Situation im Nachgang reflektiert wird, dann geht
es weder um die Bewertung des Verhaltens der Mitarbeiterin noch des betroffenen
Kindes. Die Situation war so, wie sie eben war. Dafür gibt es „gute Gründe“.
Diese zu verstehen ist die Aufgabe einer Reflexion anhand der
Präsenzdimensionen. Davon ausgehend stellt sich also zunächst die Frage, wie
alle Beteiligten wieder so gesichert werden können, dass neue Möglichkeiten im
Vorgehen entstehen. Das gesetzte Ziel dabei ist die Vermittlung von Signalen der
Sicherheit und Verbundenheit. Übrigens gilt dies aus meiner Sicht sowohl im
pädagogischen wie im führenden Handeln.

Martin Lemme

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