Please & Appease

Please steht für ein Verhalten, das von dem Ziel bestimmt wird, Gefallen zu wollen. Dies geschieht durchaus auch aufgrund eigener Nachteile, wenn dadurch die Verbindung aufrechterhalten werden kann.

Appease heißt übersetzt Beschwichtigen und meint Verhaltensweisen, die eine Situation entlasten, beruhigen wollen. Dabei geht es nicht um eine rein deeskalierende Maßnahme, sondern um den ängstlich vermeidenden Umgang möglicher Konsequenzen, die befürchtet werden.

Beide Verhaltensweisen zeigen sich bei vielen Kindern und Erwachsenen, die erlebt haben, dass es in ihrer bisherigen Lebenssituation besser war, möglichst lautlos und ohne Ärger erregende Aufmerksamkeit zu bleiben. Notwendig werden könnte das, weil das Verhalten der Bezugspersonen unberechenbar, vielleicht gewalttätig, gewesen ist oder andere Konsequenzen befürchtet werden.

Please und Appease sind Verhaltensweisen von Unterwerfung. Körperliche Unterwerfung ist ein autonomes physiologisches Verhaltensmuster von uns Menschen, welches wir aus der Beschreibung von Übergriffen kennen und sich früh evolutionär für uns als Schutzreaktion entwickelt hat. Der Körper erstarrt, geht in eine physische Unterwerfung, lässt mit sich geschehen und die Schmerz- sowie Wahrnehmungsgrenze wird heruntergefahren, um die Überlebenschance zu vergrößern.

Die soziale Unterwerfung ist ein Verhaltensmuster, welches sich aus der Bedrohlichkeit von Lebenssituationen in Zusammenhang mit den Bezugspersonen entwickeln kann. Das kann eine kurzfristige Situation sein, in der wir uns bedroht erleben und Entscheidungen zustimmen, denen wir sonst nicht zustimmen würden, oder etwas essen, um eine Eskalation zu vermeiden, obwohl wir dies sonst ablehnen würden, sogar nicht mögen. Betroffene passen sich an, besänftigen, beruhigen die Gemüter, beschwichtigen, schmeicheln sich ein, weil sie drohende Konsequenzen abwenden möchten – eine etwas andere Art der Erstarrung: aktiv, gelähmt und aufmerksam zugleich.

Wenn soziale Unterwerfung für Kinder schon früh notwendig gewesen ist, dann bildet sich dieses Muster häufig als grundlegende Handlungsstrategie aus, welche nicht bewusst, sondern autonom ausgeführt wird. Diese Kinder verhalten sich auch dann in sozialen Situationen so, in denen diese Überlebensstrategie nicht notwendig wäre. Im Alltag erleben wir diese Kinder sozial angepasst und zuvorkommend, stets aufmerksam für andere, gerade auch gegenüber den Bezugspersonen. Sie schauen schnell und frühzeitig auf den Bedarf aller Beteiligten, sind innerlich hoch angespannt, auch wenn äußerlich dies wenig bis gar nicht erkennbar ist. Zudem sind sie gehemmt und emotional eingefroren, da sie für sich aufpassen, nichts verkehrt oder möglicherweise konfliktauslösend zu machen. Damit haben diese Kinder eine hohe soziale Kompetenz, da sie gewohnt sind, die Verhaltens- und Reaktionsweisen der Bezugspersonen genau zu beobachten und zu analysieren sowie etwaige Störungen und Änderungen schon früh zu erkennen. Dann werden sie aktiv, diese Situation abwenden zu können. Für die eigenen Bedürfnisse gibt es in der Regel kein Bewusstsein mehr.

In der Literatur findet sich dazu auch der Begriff Fawn („Rehkitz“). Mir erscheinen die Begriffe Please und Appease aufgrund der aktiven Beschreibung plausibler.

Und sie kennen den Begriff „People Pleaser“?

Dieser beschreibt Menschen, die in ihrem Verhalten aufgrund der eigenen Erfahrungen die neuronalen Pfade der Unterwerfung und des Unterdrückens eigener Bedürfnisse grundlegend übernommen haben.

In Schule, Gruppen, Teams verlassen wir uns auf diese Personen. Sie sind angenehm zu erleben, machen keine Schwierigkeiten, fordern keine eigenen Bedürfnisse ein und leiden dabei extrem. Sie tauchen im sozialen Leben unter und werden in ihrer großen Not nicht wahrgenommen. Diese Kinder befinden sich sogar in einer größeren inneren Not als Kinder, die ihr Verhalten aggressiv oder verweigernd zeigen.

Es ist unsere Aufgabe, diese Personen zu erkennen, Kinder wie Erwachsenen mit diesen Verhaltensmustern zu unterstützen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und positive Erfahrungen im Umgang mit der Äußerung zu machen.

Martin Lemme

Literaturhinweis: Kati Bohnet (2025). Nervenstark verbunden. München: Knaur-Verlag.

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